Standardisiert vs. Offene Interviews
Standardisierte Interviewverfahren orientieren sich stark an einem Interviewleitfaden und sind darauf ausgelegt, diesen möglichst entlang der Gliederung abzuarbeiten. Diese Interviewform wird vermehrt in quantitativen Studien verwendet, um eine Vielzahl von Aussagen zu festen Items und Bewertungsskalen zu erhalten und um die Ergebnisse möglichst reproduzierbar zu halten. Ebenfalls sind standardisierte Interviews oft in wenigen Minuten durchführbar, bzw. haben eine vorab festgelegte Dauer. Durch ausgiebiges Testen des Fragebogens wird gewährleistet, dass jedes Interview maximal beispielsweise 15 Minuten dauert. Hierbei sind Interviewenden nur sehr wenige Freiheiten gegeben, meist sind selbst die offeneren Fragen mit 1-2 Sätzen zu beantworten und lassen keinen Raum für artikulierte Narrative. Ebenfalls werden diese Interviews oft nicht aufgezeichnet, da die Interviewenden lediglich Skalen entsprechend den Antworten der Befragten ausfüllen und sich die Werte dazu aufschreiben („Auf einer Skala von 1 bis 5, wie zufrieden sind sie mit folgenden Dienstleistungen…?“) oder sich bei offenen Fragen jeweils kurze Stichworte notieren. Die Anwendungsbereiche von standardisierten Interviews sind beispielsweise Telefoninterviews zu Kundenzufriedenheit oder Fahrgastbefragungen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Offene Interviewverfahren verzichten gänzlich auf einen Interviewleitfaden oder nutzen Topic-Guides, um den Interviewenden eine Hilfestellung und Gedankenstütze für relevante Themenbereiche oder Frageformulierungen zu geben. Hierbei liegt der Fokus voll und ganz auf den Aussagen der Befragten. Es gilt, Einstellungen, Motive und Gründe der Befragten zu rekonstruieren und Ihnen dafür größtmöglichen Freiraum zum artikulieren ihrer Ansichten zu lassen. Hierbei werden Erzählstimuli gesetzt, welche Narrative zu bestimmten Themen hervorrufen. Offene Interviews bilden die Kernerhebungsmethode vieler qualitativer Forschungsmethoden. Es gilt, Sinnkonstruktionen zu rekonstruieren, aus denen später Metatheorien entstehen können bzw. die Lebenswelten der Befragten anhand ihrer Erzählungen zu rekonstruieren. Offene Interviews können in ihrer Dauer stark variieren. So können sich Experteninterviews teilweise bis zu zwei Stunden dauern, narrative Interviews über Lebensläufe können sogar noch mehr Zeit in Anspruch nehmen, je nachdem wie auskunftsfreudig die Befragten sind.
